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< Neue Erkenntnisse über das Siedlungsbild
07.11.2009 09:27 Alter: 7 yrs
Kategorie: Sonstiges

Keltensiedlung und Steinzeitgräber in Engen-Anselfingen (Kreis Konstanz) entdeckt


Doppelgrab einer erwachsenen Person, vermutlich ein Mann, der zusammen mit einem Kleinkind bestattet wurde.

Seit 2009 wird in den Sommermonaten der künftige Abbaubereich des Kieswerks Kohler bei Engen-Anselfingen von der Kreisarchäologie des Landratsamtes Konstanz archäologisch voruntersucht. Dies geschieht in Zusammenarbeit mit der Denkmalpflege des Regierungspräsidiums Freiburg, Referat 26.

Die Kiesgrube, die bereits seit fünf Generationen von der Familie Kohler betrieben wird, gehört zu den wichtigsten archäologischen Fundstellen des Hegaubeckens. Im Laufe der Jahrzehnte kamen beim Kiesabbau, genauer gesagt beim Abtrag des Oberbodens, immer wieder bedeutende archäologische Funde unterschiedlicher vor- und frühgeschichtlicher Epochen seit der Jungsteinzeit zutage. 

Bereits in den 1970er Jahren konnten erste keltische Siedlungsbefunde in den bereits abgebauten Kiesflächen nachgewiesen werden. Dazu gehört auch ein kleine trapezförmige Grabenstruktur, möglicherweise ein spätkeltisches Heiligtum. Luftbilder des Landesamtes für Denkmalpflege Baden-Württemberg zeigen zudem zahlreiche Grabenstrukturen als Bewuchsanomalien im Pflanzenkleid, die in den denkmalgeschützten Flächen südlich des diesjährigen Grabungsbereichs liegen.

Es handelt sich dabei wohl um Abgrenzungen von keltischen Siedlungsflächen, wie sie auch schon in den Jahren 2006-2008 im Neubaugebiet »Guuhaslen« in Welschingen, in den nördlich anschließenden Äckern bis zur Kiesterrasse und auch in den neuen Grabungsflächen auf der Kiesterrasse nachgewiesen werden konnten. Sie gehören in die Zeit um 250-100 v.Chr. (jüngere Latènezeit). Die Gräben dienten wohl als Fundament für aufwändige Holzmauern oder Palisaden, welche vermutlich einzelne Siedlungseinheiten (Gehöfte) voneinander abgrenzten.

Das riesige Siedlungsgelände, das bis zu etwa 60 ha umfasst haben könnte und sich von Welschingen bis etwa Anselfingen erstreckte, war bereits früher besiedelt. Spuren einer keltischen Vorgängersiedlung der frühen Latènezeit konnten sowohl im Tal wie auch letztes Jahr auf der Kiesterrasse nachgewiesen werden. Auch diese Siedlung dürfte bereits sehr weitläufig gewesen sein. Sie begann etwa um 450/350 v.Chr. Sogenannte Grubenhäuser, die zur Textilbearbeitung und für weitere handwerkliche Tätigkeiten dienten, kamen auch 2009 zutage. Metallreste, wie beispielsweise das Fragment eines kleinen Goldblechscheibchens zeigen, dass hier auch hochwertige Luxusgüter der keltischen Oberschicht hergestellt oder repariert wurden. Das Goldblättchen wurde vermutlich als Zierelement an einem Tragegurt für ein Trinkhorn angebracht (ca. 400 v.Chr.).

Die Kiesterrasse war jedoch auch schon lange vor den Kelten besiedelt. Einzelne Siedlungsgruben, wie beispielsweise eine sogenannte Feuergrube der Urnenfelderkultur, zeigen, dass bereits um 1000 v. Chr. hier eine erste Siedlung bestanden haben muss. 2010 wurde erstmals auch eine Siedlung der römischen Kaiserzeit auf der Terrasse nachgewiesen. Zudem konnten zwei Gräber der Jungsteinzeit freigelegt werden. Sie waren von kleinen Kreisgräbchen begrenzt und vermutlich von kleinen Grabhügeln überwölbt.

Hierzu gehört das Doppelgrab einer erwachsenen Person, vermutlich ein Mann, der zusammen mit einem Kleinkind bestattet wurde. Der Tote wurde in typischer Hockerhaltung auf der linken Seite liegend in einer nach Norden ausgerichteten kleinen Grabgrube bestattet. Das Kind betet man - den engen Raum der Grabgrube ausnützend - zwischen die angehockten Beine des Erwachsenen. Grabausrichtung, Totenhaltung und eine im Brustbereich des Toten gefundene, sehr seltene Knochennadel lassen eine zeitliche Einordnung in die jüngere Glockenbecherkultur (ca. 2400-2200 v.Chr.) zu.

Bereits 1935 konnten zwei Gräber dieser Zeit in der Kiesgrube geborgen werden. Gräber der ausgehenden Jungsteinzeit sind im Hegau und der Bodenseeregion bislang äußerst selten. 2007 konnte nördlich von Singen neun Gräber der Glockenbecherkultur von der Kreisarchäologie ausgegraben werden. Diese und die neuentdeckten Gräber oberhalb der Kiesgrube Kohler gelten daher als Glücksfall für regionale Archäologie und Siedlungsforschung im Hegau.